Milchwirtschaft: Bilanz 2019 und Ausblick 2020
Kostendruck belastet Milchpreise

2019: Gebremste Entwicklung am Markt

Das Jahr 2019 begann nach dem Dürrejahr 2018 mit einer verhaltenen Anlieferungsentwicklung, erst ab dem Sommer wurden die Vorjahreswerte wieder leicht übertroffen, dies ergab in Österreich in Summe eine um 0,4% verringerte Anlieferung im Vergleich zum Vorjahr, auch die EU-weite Anlieferungsentwicklung war mit + 0,4% moderat.

Die Milchwirtschaft hat ihre Nachhaltigkeits- und Qualitätsstrategie vor allem im Bereich Tierwohl, Fütterung und Verpackungen weiter ausgebaut.

Positive Entwicklungen im Außenhandel

Basierend auf den Zahlen der ersten 10 Monate erbrachte der milchwirtschaftliche Außenhandel Steigerungen im Export, die Importe konnten verringert werden.

Kostensteigerungen belasten Milchpreise

Kostensteigerungen bei Energie, Verpackung, Zucker sowie Löhnen verhinderten mangels Abgeltung durch die Handelsketten eine Aufwärtsentwicklung bei den Erzeugerpreisen.

Schwierige Wettbewerbssituation für Bauern und Molkereien

Für die heimischen Molkereien und Bauern brachte die schwierige Wettbewerbslage infolge der hohen Handelskonzentration weiteren Druck auf die Ergebnisse der Molkereien und Erzeugermilchpreise. „Es ist somit verständlich, wenn Landwirte ihren berechtigten Unmut auf den Straßen zum Ausdruck bringen“, erklärte der Präsident der Vereinigung Österreichischer Milchverarbeiter Dir. Helmut Petschar zur aktuellen Situation auf den Milchmärkten.

3,38 Mio. Tonnen Milch in Österreich

Die Gesamtanlieferung verzeichnete einen Rückgang von 0,4% auf 3,38 Mio. Tonnen, vor allem infolge der Futtersituation. Weiter gestiegen ist der Anteil an Bio-Milch mit dem EU-weit höchsten Wert mit 19% bzw. 589.000 Tonnen, ebenfalls Steigerungen hatte die Heumilch mit 16% (510.000 Tonnen). Der Anteil an Biomilch ist auch in anderen EU-Ländern gestiegen, wenn auch auf einem viel niedrigerem Niveau.


Auf den Produktmärkten konnten sich die Preise für Magermilchpulver nach den Verkäufen der letzten Interventionsmengen deutlich erholen, während die Preise für Butter Schwächen zeigten.

Erzeugermilchpreise mit leichten Rückgängen - Schwierige Einkommenssituation auf den Höfen

Die Erzeugermilchpreise lagen im Jahr 2019 mit einem durchschnittlichen Auszahlungswert von 41,82 Cent (2018: 41,80 Cent) für Milch mit natürlichen Inhaltsstoffen inkl. USt. auf Vorjahresniveau. Für gentechnikfreie hergestellte konventionelle Qualitätsmilch wurden Durchschnittserlöse von 33,66 Cent/kg (2018: 33,75 Cent; 4,0% Fett, 3,4% Eiweiß, ohne USt.) erzielt,  Die Werte im Jänner 2020 lagen bei 41,47 Cent je Kg (natürliche Inhaltsstoffe inkl. USt.) bzw. 32,73 Cent (konventionelle Milch, 4% Fett ohne USt.), erschwerend für die Situation der Landwirte waren im vergangenen Jahr aber Kostensteigerungen, z.B. bei Energie und Futtermittelzukauf, was Druck auf die bäuerlichen Einkommen verursachte.

Kleines Plus bei den Umsätzen - Äußert knappe Ertragslage in den Molkereien

Die Umsätze der heimischen Milchverarbeiter sind im Jahr 2019 um 1,3% auf 2,85 Mrd. gestiegen, die Zuwächse resultierten hier vor allem im Export. Äußerst schwierig ist nach wie vor die Ertragslage in den Molkereien, das Ergebnis der österreichischen Molkereien vor Steuern (EvS) bezogen auf den Umsatz kam im Jahr 2019 mit 0,36% auf einem sehr niedrigen Niveau zu liegen, damit konnten die Investitionen nicht mehr abgedeckt werden. Trotz der mageren Ergebnisse in den Molkereien erreichten die Milchauszahlungspreise der Bauern nicht die Vorjahreswerte.

Spannen im LEH steigen

Während die Erzeugerpreise und die durchschnittlichen Abgabepreise der Molkereien auf tiefem Niveau blieben, legten die Durchschnittspreise im LEH gemessen am Verbraucherpreisindex leicht zu.

Stabiler Gesamtverbrauch von Milchprodukten

2019 war beim Absatz von Milchprodukten gemäß RollAMA eine differenzierte Entwicklung feststellbar. Gut entwickelt haben sich Trinkmilch, Käse, weißes Joghurt und Eiweiß-betonte Produkte der bunten Palette.

Strukturwandel verschärft

Die Anzahl der Lieferanten verringerte sich im Jahr 2019 von 26.600 auf 25.600 um 3,7%, was die Dramatik auf den Höfen zum Ausdruck bringt. Mit 20,5 Kühen je Betrieb im Durchschnitt haben wir in Österreich im EU-Vergleich überschaubare und sehr kleine Strukturen. Auch die durchschnittliche Milchlieferleistung von 6.445 kg je Kuh liegt deutlich unter den Vergleichswerten der intensiven Milchproduktionsländer. Dies verdeutlicht die nachhaltige Produktionsweise in der österreichischen Milchwirtschaft. Die durchschnittliche Milchanlieferung je Landwirt stieg von 127,6 auf 131,9 Tonnen pro Jahr.

Das durchschnittlich ausbezahlte Milchgeld je Landwirt (Umsatz aus Milchverkauf) lag mit € 55.155,- um 3,4% über dem Vorjahr. Die Anzahl der Kühe ging um 1,7% auf 524.000 zurück.

Exporte weiter gestiegen

Die österreichischen Milchexporte konnten im Jahr 2019 weiter gesteigert werden und erreichten auf Basis der nunmehr vorliegenden Zahlen der Statistik Austria für die ersten 10 Monate einen Gesamtwert von € 1,25 Mrd. (+1,4%). Erfreulich ist dabei, dass die Importe auf € 820 Mio. (-1,4%) leicht zurück gingen, was einen erhöhten positiven Gesamtsaldo von € 430 Mio. (+7,3%) ergibt.

Käse wichtigsten Außenhandelsprodukt

Wichtigstes Außenhandelsprodukt mit einem Gesamtwert von ca. 51% ist Käse, hier konnten Zuwächse um 4,5% erreicht werden. Gestiegen ist neben den Mengen auch der Preis, aber auch die Importe von Käse verzeichnen das bisher höchste Niveau. Erfreulich ist dabei, dass die durchschnittlichen Exportpreise um 3,5% über den Importpreisen lagen, was für die hohe Qualität der heimischen Produkte spricht. 
In der Kategorie Flüssigmilchprodukte wurde mehr exportiert, während die Importe weiter rückläufig waren. Der Export von Versandmilch ist ebenfalls rückläufig, die österreichische Milchwirtschaft exportiert vornehmlich verarbeitete Produkte.

Hauptexportländer waren Deutschland (50%), gefolgt von Italien, den Niederlanden, China und Griechenland. Importiert wurde ebenfalls großteils aus Deutschland (60%), gefolgt von Italien, den Niederlanden und Frankreich. Der Außenhandel mit den EU-Erweiterungsländern erbrachte bis September Exporte von 75 Mio. und Importe von 25 Mio.
Die Außenhandelszahlen zeigen, dass der Export für die heimische Milchwirtschaft ein sehr wichtiges Standbein ist und die Wettbewerbsfähigkeit und Qualität im Außenhandel sehr entscheidend ist. „Abhilfe gegen die hohen Importe, die oft nicht den hohen österreichischen Qualitätsstandards entsprechen, könnte vor allem über eine verbesserte Herkunftskennzeichnung erzielt werden, zumal für den Konsumenten die Herkunft der Produkte bei Importen oft nicht erkennbar ist“, erklärte Petschar.

EU-Exporte auf Rekordniveau

Die Milchexporte der gesamten EU konnten um 8% zulegen, hier besonders die Exporte von Käse, Hauptimportland weltweit war vor allem China, wobei hier die Corona Seuche Turbulenzen auf den Weltmärkten verursachte. Probleme gab es vor allem infolge der Handelsstreitigkeiten mit den USA sowie Unsicherheiten zum Brexit.

Nachhaltigkeit und Qualitätsstrategie weiter ausgebaut

Die heimische Milchwirtschaft hat zum Thema Nachhaltigkeit und Klimaschutz viele Vorleistungen erbracht, so kann die heimische Milchwirtschaft die EU-weit besten Klimaschutzwerte vorweisen, die Anforderungen im Bereich Tierwohl wurden weiter erhöht, der Verzicht auf Soja aus Übersee in der Fütterung sowie eine möglichst nachhaltige Futterversorgung am Hof unterstützen die Nachhaltigkeitsaspekte der Milchwirtschaft. In den Molkereien werden die Prozesse hinsichtlich Energie und Ressourcenschonung weiter optimiert, Energiesparprogramme und die Verwendung von erneuerbarer Energie forciert und damit ein wichtiger Beitrag zur Verringerung des ökologischen Fußabdrucks gesetzt. Besondere Anstrengungen wurden zuletzt bei Verpackungen unternommen, etwa durch eine Verringerung des Plastikanteils, eine Verwendung von recycliertem PET sowie die Einführung der wiederbefüllbaren Glasflasche. Ebenfalls wird in den Molkereien darauf geachtet, dass möglichst wenig Abfall von Lebensmitteln anfällt, Kooperationen mit Sozialeinrichtungen werden forciert.

Politische Programme müssen nachhaltigen Weg unterstützen

„Die Vorgaben aus dem Green Deal der EU, der Farm to Fork Strategie sowie dem heimischen Regierungsprogramm ermutigen uns auf unserem Weg der Nachhaltigkeit, wir verlangen aber, dass Rahmenbedingungen geschaffen werden, welche den Weg der nachhaltigen Produktion unterstützen. Es darf aber nicht dazu führen, dass heimische Produzenten durch Auflagen zusätzliche Kosten erhalten, welche bei Importprodukten nicht anfallen oder vom Handel und Konsumenten nicht abgegolten werden“, mahnte dazu Petschar.

Hohe Investitionen in Qualität und Nachhaltigkeit

Zur Absicherung und zum weiteren Ausbau der hohen Verarbeitungsstandards und der Nachhaltigkeit wurden in den Molkereien im letzten Jahr € 115 Mio. investiert, zumal man nur mit wettbewerbsfähigen Produkten höhere Wertschöpfungen erzielen kann. Aufgrund der äußerst geringen Ertragslage konnte diese nicht in den Molkereien erwirtschaftet werden. Für die heimischen Molkereien ist es wichtig, den Konsumenten beste Produktqualität und Nachhaltigkeit zu bieten.

Schwierige Wettbewerbssituation für Bauern und Verarbeiter

Die hohe Konzentration im österreichischen Lebensmittelhandel sowie die damit verbundenen Entwicklungen auf den Märkten haben für Bauern und Verarbeiter negative Begleiterscheinungen: Marken der Hersteller werden zugunsten von Handelsmarken abgewertet und Marken im Eigentum des Handels mit Austauschbarkeit für die Lieferanten werden forciert, die Spannen für den Handel steigen, der Anteil der Erzeuger und Verarbeiter an den Gesamterlösen fällt und für Verarbeiter und Landwirte entsteht zusätzlicher Druck. Die bisher angekündigten politischen Maßnahmen wurden noch nicht umgesetzt. „Es sind hier Maßnahmen notwendig um zu einer verbesserten Situation zu kommen. Verständlich ist, dass dieser steigende Druck auch zu öffentlichen Protestkundgebungen geführt hat“, so Petschar.

Maßnahmenprogramm für die heimische Milchwirtschaft

Die österreichische Milchwirtschaft erwartet sich aus den Programmen der EU, der neuen Gemeinsamen Agrarpolitik, dem Green Deal, der Farm to Fork Strategie sowie durch das neue österreichische Regierungsprogramm eine Unterstützung der Nachhaltigkeits- und Qualitätsstrategie.

  • Die EU Agrarpolitik muss Rahmenbedingungen für den weiteren Ausbau der heimischen Qualitäts- und Nachhaltigkeitsstrategie bieten, insbesondere gilt es die Milchwirtschaft in Berg- und benachteiligten Regionen in der Logistik und bei Erfassungskosten zu unterstützen, weiters die Be- und Verarbeitung zur Erzielung einer besseren Wertschöpfung.
  • Maßnahmen zur Absicherung und zum weiteren Ausbau der Milchstandortes Österreich als zentralen Wirtschaftszweig und Stabilitätsfaktor im ländlichen Raum, Absicherung der mit der Milchwirtschaft verbundenen Leistungen für den Tourismus und die Landschaftserhaltung.
  • Vermeidung von Nachteilen in der Umsetzung der CO2- und Nachhaltigkeitsstrategie, vor allem keine übermäßigen Auflagen und Mehrkosten im internationalen Wettbewerb
  • Unterstützung der Tierwohlstrategie der heimischen Milchwirtschaft
  • Machbare Regelungen für die Weiterentwicklung der österreichischen Biolandwirtschaft
  • Wirksame und praktikable Herkunftskennzeichnung, die auch Importprodukte umfasst
  • Vermeidung von Kostennachteilen im internationalen Wettbewerb im Verpackungswesen
  • Verbesserung der Wettbewerbssituation für Landwirte und Verarbeiter durch Vermeidung unfairer Handelspraktiken und Schutz vor systematischen wettbewerbsrechtlichen Nachteilen
  • Unterstützung bei Handelsabkommen, Exportzertifikaten und Veterinärabkommen, Vermeidung von negativen Auswirkungen auf den Brexit.

Aussichten 2020

Der Milchmarkt ist Anfang 2020 in keiner schlechten Konstitution, Gefahren lauern vor allem infolge der Corona Epidemie im weltweit wichtigsten Milchimportland China, weiters durch einen ungeordneten Brexit nach Ende der Übergangsregelungen mit Ende 2020 oder eskalierende Handelsstreitigkeiten vor allem mit den USA.
„Neben den globalen Entwicklungen ist für die heimische Milchwirtschaft vor allem der Absatz und die Bereitschaft des Handels und der Konsumenten die heimische Qualitätsstrategie mitzutragen entscheidend, auch inwieweit es gelingt die damit verbundenen Kosten in der Erzeugung sowie in der Verarbeitung entsprechend abzugelten, denn nur dann können die hohen Qualitätsstandards gesichert und weiter ausgebaut werden und alle mit der Milchwirtschaft verbundenen Leistungen für die Gesellschaft abgesichert werden“, ergänzte Petschar.

 

Weitere Informationen:
Mag. DI Johann Költringer
VÖM – Vereinigung Österreichischer Milchverarbeiter
Tel.: 01/90664-2558, eMail: voem@netway.at