Herausforderndes Milchjahr 2020
Maßnahmenpaket zur Zukunftssicherung notwendig

„Das Jahr 2020 hat die heimische Milchwirtschaft vor große Herausforderungen gestellt, der zweite Lockdown mit der verlängerten Schließung der Gastronomie  über die umsatzstarke Weihnachtszeit bringt neuerlich Umsatzausfälle, die nur durch verstärkte Anstrengungen und in Zusammenarbeit von Landwirten, Verarbeiter, Handel und Politik gut bewältigt werden können“, so fasst der Präsident der Vereinigung österreichischer Milchverarbeiter Helmut Petschar das bald zu Ende gehende Milchjahr zusammen.

Umsatzausfälle, Mehrkosten und Marktverlagerungen

Die Coronapandemie erfasste die Milchwirtschaft mit voller Wucht, vor allem durch den abrupten Ausfall der Gastronomie und des Tourismus während der anlieferungsstarken Zeit im Frühjahr, was vor allem Molkereien in Tourismusgebieten besonders zu schaffen machte. In mehreren Molkereien waren  Mengensteuerungsmaßnahmen notwendig. Molkereien sind auch im aktuellen Lockdown als Zulieferer der Gastronomie, des Tourismus oder des Großhandels massiv mit Umsatzausfällen betroffen. Es ist daher nicht verständlich, dass derartige Zulieferer keine Unterstützung für die Ausfälle erhalten, so Petschar.

Die Verarbeiter mussten Organisations- und zusätzliche Hygienemaßnahmen zur Sicherheit der Mitarbeiter und Kunden treffen, die auch zusätzliche Kosten verursacht haben. Durch diese Sicherheitsmaßnahmen und zusätzlichen Anstrengungen in den Betrieben konnte trotz kurzfristig geänderter Nachfrage im LEH die Versorgungssicherheit immer gewährleistet werden, eine funktionierende Versorgung mit hochwertigen, heimischen Lebensmitteln wurde neu bewertet, eine erfreuliche Entwicklung, welche die Milchwirtschaft gerne aufgreift, ergänzte Petschar.

Herausforderungen am Markt gut bewältigt

Die Marktentwicklung des Jahres 2020 war aufgrund der einzigartigen Situation von hohen Spannungen und Unsicherheiten geprägt. Zu Beginn des Jahres erfolgten aufgrund berechtigter Forderungen Bauerndemonstrationen vor Handelsketten. Gleich darauf brachte der erste Lockdown eine schlagartige, massive Verschiebung der Absatzkanäle. Das Auf und Ab auf den Produktmärkten führte ab Sommer zu einer gewissen Stabilisierung der Märkte und zu einer Verbesserung der Auszahlungspreise für die heimischen Landwirte, die ebenfalls mit Mehrkosten zu kämpfen haben.

Die durchschnittlich erzielten Auszahlungspreise lagen im aufgelaufenen Jahr (Jänner bis Oktober) bei 34,55 Ct/kg, (2019 34,36 Ct/kg), für gentechnikfreie Qualitätsmilch, mit natürlichen Inhaltsstoffen, ohne Zuschläge und ohne Mehrwertsteuer; die Werte konnten ab Sommer verbessert werden und lagen im Oktober bei 36,72 Ct/kg ( 2019: 33,83 Ct/kg). Die in Österreich erzielten Werte liegen aufgrund der höheren Qualitätsstandards über dem EU -Durchschnitt.

Der Außenhandel verlief in Österreich bisher sehr erfreulich, bis August, so die vorliegenden Zahlen der Statistik Austria, konnten die Exporte um 4,4 % erhöht werden, während die Importe mit - 0,3 % leicht zurückgingen. Ein ungeregelter Brexit könnte den Milchmarkt europaweit beeinträchtigen.

Seit Mai rückläufige Milchanlieferung in Österreich

Die Anlieferung lag in Österreich zu Beginn des Jahres über, seit Mai unter den Vorjahreswerten, insgesamt sollte damit ungefähr das Vorjahresniveau erreicht werden. 19,1 % der österreichischen Milch erfüllt den Biostandard. EU-weit ist heuer eine Mehranlieferung von ca. 1,4 % zu verzeichnen (Werte schalttagbereinigt).

Qualitätsstrategie wird fortgesetzt

Die österreichische Qualitätsstrategie wurde auch unter den schwierigen Voraussetzungen der Coronakrise weiterentwickelt. Wesentliche Bestandteile sind die Gentechnikfreiheit, die hohen Produktions- und Verarbeitungsstandards gemäß österreichischem Lebensmittelcodex und dem AMA Gütesiegel samt strengen Kontrollen, innovative und nachhaltige Verpackungslösungen, hohe Tierwohl- und Nachhaltigkeitsstandards, wie der Verzicht auf Soja aus Übersee oder auf kritische Pflanzenschutzmittel, der hohe Anteil der Biobetriebe sowie weitere Qualitätsprogramme wie Heumilch oder Biowiesenmilch. Wichtig ist weiters eine angepasste Zucht und eine nachhaltige Futtergrundlage, was zu den EU weit besten Klimaschutzwerten für heimische Milch führt. „Wir sehen es daher auch gerechtfertigt und notwendig, dass diese Mehrleistungen den Landwirten in Form von verbesserten Erzeugerpreisen im Vergleich zu internationalen Entwicklungen zugute kommen,“ erklärte dazu Petschar.

Milch ist hochwertiges, heimisches Lebensmittel und sollte gefördert werden


Milch als wertvolles, heimisches Lebensmittel ist mit der Coronakrise stärker in den Mittelpunkt gerückt. Die Österreicher schätzen unsere hohen und ehrlichen Qualitäten immer mehr. Sie können sich auch in Krisenzeiten auf eine sichere Versorgung verlassen. Dies sollte auch in der Ernährungspolitik entsprechend gewürdigt werden: So konnte im EU-Parlament der Bezeichnungsschutz für Milch und Milchprodukte gestärkt werden. Dies muss auch in Österreich konsequent umgesetzt werden, indem die nicht zulässige Verwendung der geschützten Begriffe Milch, Butter, Joghurt, Käse und Co entsprechend abgestellt wird.

Zuletzt gab es Versuche, beste Milchprodukte in Nährwertprofile zu pressen und mit Werbeverboten zu belegen. „Es darf nicht sein, dass z. B. beste, unveränderte Biomilch mit natürlichem Fettgehalt nicht mehr beworben werden darf, ebenfalls, dass Kindern ein Butter- oder Käsebrot abgesprochen wird, wie dies von der Nationalen Ernährungskommission des Gesundheitsministeriums gefordert wird. „Hier ist in der Ernährungspolitik Hausverstand, Maß und Ziel gefragt“, so Petschar.

Maßnahmenpaket für Zukunftssicherung erforderlich

Die Coronakrise hat eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig die Versorgung mit Lebensmitteln ist. Die Milch ist ein wesentlicher Teil der Ernährung der Österreicher, sie stellt einen der wichtigsten Sektoren der Landwirtschaft dar und ist eine Schlüsselbranche im ländlichen Raum, besonders in Berggebieten. Gemeinsame Anstrengungen sind daher für eine positive Weiterentwicklung notwendig:

  • Absicherung und Weiterentwicklung der naturnahen österreichischen Milchwirtschaft in der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU und in den nationalen Programmen, besonders in Berg- und benachteiligten Gebieten, Abgeltung von naturbedingten erhöhten Erfassungskosten, Investitionsschwerpunkte zur weiteren Verbesserung des Tierwohls
  • Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und Unterstützung der Qualitätsstrategie, machbare Standards im Biobereich, Unterstützung des Produktions- und Verarbeitungsstandortes Österreich, Vermeidung von zusätzlichen Kostenbelastungen und Auflagen
  • Verpflichtende Herkunftskennzeichnung und Schaffung der rechtlichen Voraussetzungen, damit der Konsument eine fundierte Entscheidung über unterschiedliche mit der Herkunft verbundene Qualitäten treffen kann
  • Mehr Transparenz und gerechtere Verteilung der Wertschöpfung entlang der Lebensmittelkette, wirksame Maßnahmen zur Beseitigung von strukturellen Wettbewerbsnachteilen für Erzeuger und Verarbeiter, Maßnahmen zur Eindämmung von Eigenmarken, Umsetzung der EU Richtlinie gegen unlautere Handelspraktiken
  • Weiterentwicklung der AMA Marketing als wertvolles Unterstützungsinstrument für die Qualitätspolitik und Vermarktung, Unterstützung im Export, solidarische Finanzierung durch alle teilnehmenden Sektoren, Fokussierung der Tätigkeiten auf beitragszahlende Sektoren, bessere strukturelle Einbindung der teilnehmenden Sektoren
  • Vermeidung von überzogenen, kostentreibenden, ineffizienten und unpraktikablen Vorgaben im Umwelt- und Verpackungsbereich, z. B. keine überhöhten Mehrwegquoten und kein Pfand auf Einwegverpackungen im Milchbereich.

 

Rückfragehinweis:
Mag. DI Johann Költringer
VÖM – Vereinigung Österreichischer Milchverarbeiter
Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Platz 1, A – 1020 Wien
Tel:     +43/1/90 664 – 2558
Email:    johann.koeltringer@milch.or.at