VÖM-Pressekonferenz: Ernährungssicherheit in Krisenzeiten
Ernährungssicherheit in Krisenzeiten - Qualitätsstrategie weiter ausbauen

2020: Durch Covid-19 außerordentliches Jahr

 

 

 

Versorgungssicherheit

Das Jahr 2020 war auch für die Milchwirtschaft ein außerordentliches Jahr, die Corona Krise forderte den Sektor enorm, gab es doch den abrupten Ausfall des Tourismus- und Gastronomiesektors mitten in der Saison und kurzfristige Nachfrageverschiebungen zum Lebensmitteleinzelhandel zu bewältigen. Die Milchwirtschaft hat hier den Härtetest bestanden und konnte kurzfristig Umstellungen in der Produktion bewerkstelligen und auch höhere Mengen - zu gewohnt höchster Qualität - liefern, ein Wert, der vielen längst nicht mehr so bewusst war wie im Jahr 2020. Aktuell leiden die Molkereien neuerlich unter dem Ausfall der Wintersaison.

 

Faire Aufteilung der Wertschöpfung

 

Dabei hat das Milchjahr 2020 mit Demonstrationen der Landwirte vor Handelsketten etwas unrund begonnen, als sich diese um Ihren fairen Anteil an der Wertschöpfung gebracht sahen, kurz bevor die Pandemie alles überdeckte. Dieses Thema wird uns weiter begleiten und es wird am Verhalten der einzelnen Akteure liegen, ob eine vertretbare und dauerhaft herzeigbare Lösung gelingt, die es immer wieder neu anzustreben gilt. Dies betrifft nicht nur aktuelle Preissetzungen, die auch höhere Standards berücksichtigen müssen, sondern auch die Strategie der Handelsketten, wenn systematisch Herstellermarken gegen ihre Eigenmarken ersetzt und damit die Wertschöpfung weiter verschoben wird. Auch seitens der Politik wird diesem Thema mehr Beachtung gewidmet, wenn z. B. mit einer neuen Transparenzrichtlinie oder einer Gesetzgebung gegen unlautere Handelspraktiken neue Normen gesetzt werden

 

 


Qualitäts- und Nachhaltigkeits-strategie weiter ausgebaut

 

Die Österreichische Milchwirtschaft hat auch in der Krise ihre Qualitäts- und Nachhaltigkeitsstrategie weiter ausgebaut, sei es im gestiegenen Bioanteil, verschärften Tierwohlstandards, Gentechnikfreiheit, strengen Fütterungsauflagen für Kühe und Kälber oder bei vielen weiteren Nachhaltigkeitsthemen, die für unsere Milch auch die EU -weit besten Klimaschutzwerte bescheinigen. All diese Nachhaltigkeitsthemen bieten einen wertvollen, hochaktuellen Ansatz für die Positionierung innovativer, heimischer, regionaler, österreichischer Qualitätsprodukte. „Umso wichtiger ist, dass dieser Mehrwert durch eine Herkunftskennzeichnung auch entsprechend sichtbar und honoriert wird, ein verkürzter Vergleich zu internationaler Standardware ist hier nicht gerechtfertigt“, so Petschar.

Milchanlieferung stabil

 

 

 

Bioanteil weiter ge-steigert

 

Die Gesamtanlieferung blieb mit 3,38 Mio.t insgesamt stabil, wobei zu Beginn des Jahres eine höhere und in der zweiten Jahreshälfte eine geringere Anlieferung zu verzeichnen war. Mehrere Molkereien mussten aufgrund der Corona bedingten Nachfragerückgänge im Frühjahr Mengensteuerungsmaßnahmen bei der Milchanlieferung setzen. Der Anteil von Biomilch und Heumilch konnte weiter gesteigert werden, Österreich erreichte mit 19,1 % bzw. 600.000 t den höchsten Bioanteil in der EU.

 

Großhandelspreise uneinheitlich

 

Die Großhandelspreise zeigten für Milchprodukte eine unterschiedliche Entwicklung. Neben den Irritationen infolge der Corona Krise zeigten Butter und Käse rückläufige Tendenzen, während Magermilchpulver zulegten. EU-weit waren die Erzeugerpreise leicht rückläufig.

 

Erzeugermilchpreise leicht gestiegen

 

Nachdem die Erzeugerpreise in Österreich auf schwachem Niveau gestartet sind, kam es beginnend ab Sommer zu spürbaren Stabilisierungen. Damit konnten die qualitätsbedingten Unterschiede auch dargestellt werden. Aktuell wirkt sich der Ausfall der Wintersaison negativ auf die Preisentwicklung aus.   

Die Erzeugermilchpreise lagen im Jahr 2020 mit einem durchschnittlichem Auszahlungswert von 42,65 Cent (2019 41,82 Cent) für Milch mit natürlichen Inhaltsstoffen inkl. USt. über dem Vorjahresniveau. Für gentechnikfreie Qualitätsmilch wurden durchschnittlich 34,26 Cent/kg erzielt (2019: 33,66 Cent für Milch mit 4,0 % Fett, 3,4 % Eiweiß, ohne USt.). Weiters hatten die Landwirte mit Kostensteigerungen zu kämpfen. 

 

Umsätze leicht gestiegen

 

Die Umsätze der heimischen Milchverarbeiter sind 2020 insgesamt um ca. 3,2 % auf 2,95 Mrd. € gestiegen, wobei die Zuwächse bei den Lieferungen im Lebensmitteleinzelhandel im In- und Ausland zu verzeichnen waren, während Lieferungen an Gastronomie und Tourismus deutliche Umsatzeinbußen und damit verbundene Verluste bei den Deckungsbeiträgen verursachten, für die es bisher auch keine Ausgleichsmaßnahmen gab.

 

Knappe Ertragslage

 

Die Ertragslage der Molkereien ist nach wie vor sehr knapp, zumal die Corona bedingten Schutz- und organisatorischen Maßnahmen zusätzliche Kosten verursachten. Das Ergebnis vor Steuern der öst. Milchverarbeiter bezogen auf den Umsatz ergab 2020 einen Wert von 1,4 %.

 

Absatz über LEH gestiegen

 

Die RollAMA verzeichnete Rekordmengen beim Absatz über den Lebensmitteleinzelhandel, besonders bei Butter (+ 15,5 %) und Käse (+ 10,8 %), gefolgt von der weißen Palette mit einem Plus von 9,1 % und der bunten Palette mit + 4,5 %. Diesen Mengensteigerungen stehen entfallene Mengen im Außerhausverzehr gegenüber. Die Einkaufspreise für die Konsumenten stiegen um durchschnittlich 3,3 %.

 

Weniger Milchbauern

 

Die Anzahl der Milchbauern verringerte sich 2020 von 25.600 auf 24.650 um 3,8 %. Der Milchkuhbestand blieb mit 525.000 gleich, im Durchschnitt hielt jeder Landwirt 21,3 Kühe, ein international gesehen kleiner Wert. Die durchschnittliche Milchlieferleistung der Kühe erreichte mit 6.458 kg (+ 0,2 %) im internationalen Vergleich einen moderaten Wert, der die nachhaltige Produktion dokumentiert.

Die durchschnittliche Anlieferung je Landwirt stieg von 131,9 auf 137,3 t. Das durchschnittlich ausbezahlte Milchgeld je Landwirt (Umsatz aus Milchverkauf) lag mit 58.570 € um 6,2 % über dem Vorjahr.

 

Wachstumsmotor Export

 

 

 

 

Qualitätsstrategie im Export erfolgreich

 

Die österreichischen Milchexporte erreichten 2020 auf Basis der vorläufigen Zahlen der Statistik Austria mit 1,312 Mrd. einen neuen Höchstwert und konnten um 4,5 % zulegen. Bei den Importen gab es mit 1,2 % auf 836,3 Mio. einen geringeren Zuwachs, was zu einem gestiegenem, positiven Außenhandelssaldo von 475,4 Mio. € (+10,7 %) führte. Die Exportquote bezogen auf den Umsatz betrug 44,5 %, die Importquote 28,4 %.

Wichtigstes Außenhandelsprodukt war die Kategorie Käse. Hier wurden 155.900 t (+ 1,8 %) im Wert von 666 Mio.€ (+ 3,7 %) exportiert, während sich die Importe mit 130.800 t (+ 4 %) auf 511 Mio. € beliefen. Dabei konnten durchschnittliche Exportpreise von 4,27 € (+ 1,9 %) und Importpreise von 3,90 € pro kg (- 3,9 %) verbucht werden, was den Erfolg der heimischen Qualitätsstrategie auch im Export dokumentiert.

Wichtigstes Exportland mit einem Anteil von 50,4 % ist weiterhin Deutschland, gefolgt von Italien, China, den Niederlanden, Griechenland und Slowenien. Die Importe erfolgten zu 56 % aus Deutschland, gefolgt von Italien, den Niederlanden, Frankreich und Griechenland.

 

Qualitäts- und Nach-haltigkeitsstrategie weiter ausgebaut

Die Qualitäts- und Nachhaltigkeitsstrategie wurde weiter ausgebaut: Besondere Schwerpunkte bildeten dabei der Bereich Fütterung mit dem Verbot von Palmöl in der Fütterung für Kühe und Kälber oder Milchaustauschern in der Kälberfütterung neben den dem Verbot der Verwendung von Soja aus Übersee und der Gentechnikfreiheit. Zusätzliche Bemühungen gibt es beim Tierwohl und Biodiversität durch spezielle Programme der Molkereien. Die Milchwirtschaft setzt mehrere Projekte im Bereich Klimaschutz in den Verarbeitungsunternehmen und bei den Landwirten, wodurch die bisher schon vorbildlichen Klimaschutzwerte weiter verbessert werden. Verbesserungen gibt es zudem im Bereich Verpackungen durch den erhöhten Einsatz von Recyclingmaterial, biogenen Materialen oder die Mehrwegflasche. Zur weiteren Vermeidung von Lebensmittelabfall wurden Bewusstseinsbildungsmaßnahmen und Kooperations-projekte mit Sozialeinrichtungen verstärkt.

Agrarpolitische Rahmenbedingungen entscheidend

 

Die agrarpolitischen Rahmenbedingungen werden derzeit auf EU- Ebene durch den Green Deal und die Farm to Fork Strategie neu festgelegt. Darin werden Klimaschutz und Nachhaltigkeit sehr hoch bewertet. Wichtig dabei ist, dass am Ende unterstützende Maßnahmen für die nachhaltige Milchwirtschaft erfolgen und diese im Wettbewerb stärkt. Zudem bedarf es passender Vorgaben bei den ernährungspolitischen Vorhaben mit Herkunftskenn-zeichnung, Nährwertkennzeichnung, Bezeichnungsschutz, Nachhaltigkeits- und Qualitätspolitik und einer fairen Außenhandelspolitik, so Petschar.

 

Milch sehr wertvolles Lebensmittel

Besonderes Augenmerk verdienen innerösterreichische, ernährungspolitische Vorhaben. Hier erwarten wir, dass dabei dem hochwertigen Lebensmittel Milch der richtige Stellenwert eingeräumt wird. Es darf nicht sein, dass hochwertige Milchprodukte mit Werbeverboten belegt werden oder Milch als Lebensmittel mit einer sehr ausgewogenen Nährwertzusammen-stellung bei systematisierten Nährwertkennzeichnungssystemen diskriminiert wird. Weiters hoffen wir bald auf eine breite Herkunftskennzeichnung, die auch Importprodukte umfasst, um die unterschiedlichen Qualitätsstandards den Konsumenten bewusst zu machen.

 

Sachliche Verpackungspolitik

Handlungsbedarf besteht weiters im Verpackungsbereich, wo es teure, ideologisch motivierte und sachlich nicht notwendige Belastungen zu vermeiden gilt, etwa die Einführung eines Pfandes auf Einwegkunststoffflaschen oder eine überhöhte Mehrwegquote. Probleme ergeben sich auch aus einer überschießenden Auslegung des Umweltministeriums mit einer unpassenden Kennzeichnungsverpflichtung, wenn z. B. in Zukunft auf Schulmilchbechern „Produkt enthält Kunststoff“ stehen müsste, erklärte Petschar.

 

Hohe Konzentration im LEH belastet Entwicklung

Die hohe Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel hat auch im Coronajahr die Situation für Bauern und Verarbeiter nicht grundlegend verändert, nach wie vor steigen die Spannen und Anteile an der Wertschöpfung des LEH verbunden mit steigenden Anteilen der Eigenmarken des Handels. Die Abgeltung der erhöhten Aufwendungen für die höheren Standards ist ein täglicher Kampf und keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Diese Diskussion sollte nicht auf der Straße ausgetragen werden müssen, so Petschar. Die seitens der EU gesetzten Maßnahmen zur Vermeidung unfairer Handelspraktiken sind in Österreich noch nicht umgesetzt. Auch sollte die Entwicklung der Wertschöpfung in der Lebensmittelkette analysiert werden und daraus Maßnahmen abgeleitet werden.

 

Milchwirtschaft fordert Unterstützungsmaß-nahmen

Für die Corona bedingten Umsatz- und Deckungsbeitragsverluste der Milchwirtschaft sind geeignete Unterstützungsmaßnahmen zu entwickeln, zumal die Milchwirtschaft nach wie vor erheblich betroffen ist, ebenfalls ist die Milchwirtschaft zur weiteren Absicherung einer nachhaltigen und hochwertigen, eigenständigen Lebensmittelversorgung im nationalen Interesse bei den anstehenden Wirtschaftsrettungsmaßnahmen zu berücksichtigen.

 

Corona prägt auch Milchmarkt 2021

Der Milchmarkt zeigt sich Anfang 2021 noch immer geprägt von der Corona Pandemie in einem unsicheren Zustand, für Österreich vor allem die Entwicklung im Tourismus und in der Gastronomie. Internationale Notierungen gaben heuer zwar Hoffnung, doch kann die Wirtschaftskrise weltweite Kaufkraftverluste und weitere Irritationen mit sich bringen.

„Für die österreichische Milchwirtschaft bleibt neben den globalen Einflüssen vor allem die weitere Entwicklung in Österreich maßgebend, inwieweit es gelingt die Qualitätsstrategie erfolgreich umzusetzen, ob eine faire Abgeltung der erhöhten Aufwendungen und damit die künftige, sichere Versorgung mit hochqualitativen Lebensmitteln, verbunden mit all den zusätzlichen Leistungen der Milchwirtschaft, gelingt“, schloss Petschar.

 

 

 

                                               Weitere Informationen:

                                               Mag. DI Johann Költringer

                                               VÖM – Vereinigung Österreichischer Milchverarbeiter

                                               Tel.: 01/90664-2558, Email: voem@milch.or.at