Milchwirtschaft vor neuen Realitäten?
Massive Kostensteigerungen bei Energie und Rohstoffen

„Massive Steigerungen bei Energiekosten (Gas, Strom, Treibstoffe), Futtermitteln, Verpackungsmaterial und sonstigen Rohstoffen verursachen gewaltige Kostenerhöhungen, die zu Preiserhöhungen bei Milchprodukten führen. Besonders bei der Energieversorgung braucht die Branche rasch kostendämpfende Maßnahmen und Unterstützungen, weiters für Umstellungen auf andere Energieträger und eine rechtliche Klarheit über eine gesicherte Versorgung mit Gas im Krisenfall, um die Versorgungssicherheit mit hochwertigen Milchprodukten sicher stellen zu können“, erklärte der Präsident der Vereinigung österreichischer Milchverarbeiter Dir. Helmut Petschar im Rahmen eines Pressegespräches anlässlich der diesjährigen milchwirtschaftlichen Tagung in Gabelhofen.

Milch am EU-Markt weiter knapp    

Noch ehe die Coronakrise mit ihren Marktverwerfungen bewältigt werden konnte, erfassten die Folgen des Ukrainekrieges die gesamte Milchwirtschaft. Die österreichische Milchwirtschaft konnte im angelaufenen Jahr nach coronabedingten Rückgängen im Vorjahreszeitraum die Milchproduktion um 3,2 % steigern, während wichtige europäische Milchproduzenten mit Produktionsrückgängen aus der Coronakrise kamen. Dies führte in Summe zu einem EU weiten Produktionsrückgang und bei guter Nachfrage zu höheren Preisen. Die mittlerweile EU weit gestiegenen Erzeugerpreise führten aufgrund der stärker gestiegenen Kosten bei Düngemitteln, Energie, Futtermitteln und anderen Vorleistungen bisher zu keinen Produktionssteigerungen, dazu gibt es heuer in verschiedenen Regionen Europas witterungsbedingte Ernteausfälle.
   
Erzeugerpreise gestiegen    

Die massiven Kostensteigerungen brachten EU weit höhere Erzeugerpreise, wobei die Kostensteigerungen von den Handelspartnern in Österreich nicht zur Gänze bzw. mit Verzögerungen akzeptiert wurden, was in Österreich zu einem geringeren Erzeugerpreisanstieg im Vergleich zu anderen Ländern führte. Die Erzeugerpreise für gentechnikfreie konventionelle Qualitätsmilch (4,0 % Fett, 3,4 % Eiweiß) beliefen sich für den Zeitraum Jänner bis Juli 2022 auf 42,72 ct/kg netto, 21,7 % über dem Vorjahreswert, bzw. 51,36 ct/kg im Durchschnitt aller Qualitäten incl. USt. Im Juli 2022 lagen die Werte mit 48,72 (plus 35,2 %) bzw. 58,02 ct/kg (plus 32,1 %) zwar höher, konnten aber die Preissteigerungen in Deutschland mit 55,1 ct netto/kg und einem Plus von 53,9 % nicht erreichen.
   
Kostensteigerungen nicht vollständig umgesetzt    

Hier manifestiert sich die hohe Konzentration des Handels in Österreich, wenn diese internationalen Preisentwicklungen nicht entsprechend weitergegeben werden. Hochrangige Handelsvertreter haben mehrfach erklärt, dass sie die eingetretenen Kostensteigerungen teilweise nicht akzeptiert hätten.
   
Konsument preissensibler

Im Einkaufsverhalten der Konsumenten ist eine höhere Preissensibilität feststellbar, umso wichtiger sind sozial treffsichere, öffentliche Hilfsmaßnahmen zur Bewältigung der hohen Teuerungsraten, um die Kaufkraft für hochwertige Lebensmittel zu gewährleisten. Bedenklich sind die Aktivitäten der Handelsketten, wenn diese die aktuelle Krise dafür nutzen, die Anteile ihrer Eigenmarken mit höheren Wertschöpfungsanteilen und Spannen für die Handelsketten zulasten der Erzeugermarken weiter auszubauen und Importprodukte mit geringeren Standards zu forcieren.“ In dieser schwierigen Zeit ist die Loyalität der Handelspartner besonders gefragt“, so Petschar.

Kostengetriebene Inflation

Die aktuell hohen Teuerungsraten für Milchprodukte sind kostengetrieben und liegen zumeist unter den internationalen Vergleichswerten. Ein längerfristiger Vergleich ergibt keine überhöhten Teuerungsraten für Milchprodukte. Der Anteil der Haushaltsausgaben für Milchprodukte betrug 2021 1,5 % bzw. 43,5 €/Haushalt, wobei hier in Österreich nicht nur der Aspekt der Versorgungssicherheit durch heimische Produktion, sondern auch die höheren heimischen Qualitäts- und Nachhaltigkeitsstandards beachtet werden müssen. Die Ertragslage bei den Molkereien mit unter 1 % Ergebnis vor Steuern bezogen auf den Umsatz ist weiter sehr angespannt, oftmals müssen die Molkereien bei der Erhöhung der Erzeugermilchpreise in Vorleistung gehen, um auch die massiven Kostensteigerungen bei den Landwirten abdecken zu können.
   
Hohe internationale Notierungen

Die Notierungen auf den Produktenmärkten erreichten ebenfalls entsprechende Steigerungen, wobei im Gegensatz zu früheren Preisvolatilitäten aktuell sowohl Eiweiß als auch Fett als wichtigste Inhaltsstoffe der Milchprodukte gleichzeitig zulegten. Vor diesem Hintergrund legte auch der österreichische Außenhandel im ersten Halbjahr 2022 im Export wertmäßig um 18,9 und bei Importen um 14,3 % zu, was vor allem auf Preissteigerungen zurückzuführen ist.
   
Kostensteigerungen einbremsen und Energieversorgung sichern

Die Milchwirtschaft benötigt in der Produktion, Verarbeitung, Haltbarmachung, Kühlung, Lagerung und Logistik Energie, die prozessbedingt vorgegeben ist, um eine entsprechende Verarbeitungsqualität, Produktsicherheit und Haltbarkeit der Produkte zu gewährleisten. Derzeit sind Gas und Strom die wichtigsten Energieträger. Die massiven Kostensteigerungen bei Strom und Gas treffen daher die Milchwirtschaft hart. Neben laufenden Einsparungs- und Optimierungsmaßnahmen werden, soweit möglich, erneuerbare Energieträger, wie Biomasse, Fernwärme auf Basis Biomasse, Biogas oder Photovoltaik genutzt und weiter ausgebaut. Für die kurzfristige Absicherung der Energieversorgung haben Molkereien Ölfeuerungen eingerichtet bzw. reaktiviert.
„Kostensteigerungen um das zehnfache, wie wir dies zuletzt bei Gas und Strom gesehen haben, sind ein Wahnsinn, diese müssen umgehend abgestellt werden. Ich fordere die zuständigen Politiker auf dringend auf entsprechende Initiativen zu setzen, um das bestehende „Merit Order“-Preisbildungssystem abzuschaffen, bzw. abzuändern, denn mit Ausgleichsmaßnahmen für betroffene Wirtschaftssektoren und private Haushalte allein, wird diesem fehlgeleiteten System auf Dauer nicht zu begegnen sein,“ erklärte dazu Petschar.
   
Sofortmaßnahmen im Energiebereich notwendig 
Forderungen zur Kostensenkung im Energiebereich:

  • Rechtlich verbindliche Klarheit zur bevorzugten Versorgung der Milchwirtschaft als systemrelevanter Sektor mit Erdgas im Krisenfall, um die Versorgungssicherheit gewährleisten zu können.
  • Dies muss auch eine Kostenbremse für diese Sektoren vorsehen
  • Unterstützung für die Umstellung auf alternative Energieträger, die seit dem Beginn des Ukrainekrieges vorgenommen wurden
  • Unterstützungsmaßnahmen zur Abdeckung der massiv erhöhten Energiekosten, solange keine wirksame Kostenreduktion erreicht wird
  • Weitere Verschiebung der Einführung der CO2 Besteuerung und weiterer kostentreibender Maßnahmen, bis wieder eine gewisse Normalität auf den Märkten eintritt.

    
Herkunftskennzeichnung dringend notwendig


Das Gesundheitsministerium hat die Vorschläge zur Einführung einer Herkunftskennzeichnung zurückgezogen. Man wartet hier jetzt auf entsprechende Vorschläge der EU. Diese sind für den heurigen Herbst angekündigt, bedeuten aber eine weitere Verzögerung. Von der EU wurden auch Umfragen durchgeführt, die den dringenden Wunsch der Konsumenten nach einer gesicherten Herkunftsinformation zeigen. Seitens der Milchwirtschaft und auch anderer Sektoren erwarten wir hier ehest baldige, brauchbare Vorschläge, zumal unter dem Vorwand der Kostenreduktion der Druck zu billigen Lebensmitteln aus dem Ausland, welche heimische Standards nicht erfüllen, wieder steigt, vor allem dann, wenn über die Herkunft und damit über die dahinterstehenden Produktionsstandards nicht informiert werden muss, so Petschar.
   
Österreichische Qualitäts- und Nachhaltigkeitsstrategie

Die österreichische Qualitäts- und Nachhaltigkeitsstrategie wird weiter ausgebaut. Aktuelle Schwerpunkte liegen in der weiteren Verbesserung der Klimaschutzwerte. Gemäß einer Untersuchung des Joint Research Centers der EU hat die österreichische Milchwirtschaft schon jetzt die EU- weit besten Klimaschutzwerte. Hier geht es um Projekte im Bereich Fütterung, verbesserter Düngerwirtschaft, dem weiteren Ausbau der Alternativenergie, einer besonderen Förderung der Biodiversität und innovativen Verpackungslösungen.
   
Weltklimabericht rehabilitiert Milch bei Klimawerten

Bemerkenswert zum Klimawandel ist der aktuelle Weltklimabericht des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change der UNO), der weltweit führenden Forschungsorganisation in diesem Bereich: Darin wird festgestellt, dass die bisherigen Werte für Methan beim Klimawandel auf Grund der viel kürzeren Verweildauer in der Atmosphäre im Vergleich zu CO2 um das drei- bis vierfache überhöht sind. Diese zu hohe Bewertung des Methan ist der Grund für die bisherige, ungünstige Bewertung von Milch, ein Umstand, der von vielen Wissenschaftlern und der Milchwirtschaft schon länger kritisiert wurde.
   
Tierwohl im Fokus   

Ein besonderer Schwerpunkt besteht im Bereich Tierwohl: Neben den verschärften gesetzlichen Bestimmungen im Bereich Tierhaltung und beim Tiertransport hat sich die Branche zu einem vorzeitigen Auslaufen der dauernden Anbindehaltung im Rahmen des AMA Gütesiegels mit Ende 2023 verständigt, weiters wird an der Einführung einer Tierhaltungskennzeichnung gearbeitet.



Weitere Informationen:
Mag. DI Johann Költringer
VÖM  – Vereinigung Österreichischer Milchverarbeiter
Tel.: 01/90664-2558, Email: voem@milch.or.at