VÖM-Pressekonferenz - Milchwirtschaft: Bilanz 2016 und Ausblick 2017
2016 Härtetest für heimische Milchwirtschaft - 2017 besser gestartet


2016: Milchkrise in Österreich überstanden


„2016 war für die österreichische Milchwirtschaft ein sehr schwieriges Jahr. In der ersten Hälfte des Jahres war der europäische Milchmarkt aufgrund der anhaltenden Folgen des Russland-Embargos, der Mehranlieferungen infolge der Abschaffung der Milchquoten sowie der verhaltenen Nachfrage auf wichtigen Exportmärkten mit einer tiefen Krise konfrontiert, die auch für die heimische Milchwirtschaft schwerwiegende Preisrückgänge bedeutete. Erst als aufgrund der sehr tiefen Preise in wichtigen Produktionsländern der EU die Milchmengen deutlich zurückgingen, konnte eine Erholung auf den Märkten eintreten, die ab Herbst 2016 auch in Österreich spürbar wurde. Diese Entwicklung wurde durch die agrarpolitischen Maßnahmen auf EU-Ebene (Intervention und freiwillige Lieferrücknahme) unterstützt, sodaß zu Beginn des Jahres 2017 eine zunehmende Stabilisierung auf den Milchmärkten eingetreten ist“, erklärte der Präsident der Vereinigung Österreichischer Milchverarbeiter Direktor Helmut Petschar zur Situation auf den Milchmärkten.
Der große Mengendruck während der Milchkrise führte besonders im Eiweißmarkt zu äußerst schwierigen Marktsituationen, erst massive Interventionsankäufe durch die Europäische Kommission im Ausmaß von 350.000 Tonnen Magermilchpulver brachten eine Marktstabilisierung, während bei Butter die Interventionsschwelle zu keinem Zeitpunkt ausgelöst wurde. Auch hat sich der Fettmarkt früher erholt und ist mittlerweile für die positive Trendwende am Milchmarkt verantwortlich.

Internationaler Wettbewerb wird härter

Die Exporte lagen weiterhin auf hohem Niveau, trotz mengenmäßiger Zuwächse kam es aber zu preisbedingten Umsatzeinbußen, stark war auch der Wettbewerb mit Importprodukten, besonders in der Weiterverarbeitung und im Preiseinstieg bei Eigenmarken des Handels.

Österreichische Qualtitätsstrategie wirkt

„Die heimische Milchwirtschaft hat die Milchkrise im Vergleich zu anderen EU-Ländern trotz schmerzhafter Preisrücknahmen durch die Qualitätsstrategie  vergleichsweise besser gemeistert, was anhand der etwas geringeren Preisrückgänge bei den Milchgeld-Auszahlungspreisen spürbar war. Die heimische Milchwirtschaft sieht einen weiteren Ausbau der Qualitätsstrategie als strategische Zielsetzung, um damit für kommende Entwicklungen auf den Milchmärkten bestmöglich gerüstet zu sein“, ergänzte Petschar.

Jahr der Milchkrise 2016 vergleichsweise gut gemeistere

Die österreichische Milchwirtschaft startete im 1. Halbjahr 2016 unter sehr schwierigen Voraussetzungen. Der Höhepunkt der Milchkrise im 1. Halbjahr 2016 führte zu historischen Tiefpreisen in einzelnen Ländern, auch in Österreich kam es zu schmerzhaften Rückgängen bei den Preisen, durch die heimische Qualitätsstrategie konnten diese etwas abgemildert werden. Erst ab dem 2. Halbjahr konnte aufgrund der Rückgänge bei der Anlieferung, den erfolgten Interventionsmaßnahmen sowie einer stärkeren internationalen Nachfrage eine Trendwende festgestellt werden. Durch die hohe Verflechtung der heimischen Milchwirtschaft mit den internationalen Märkten konnte sich die heimische Milchwirtschaft nur teilweise diesen schwierigen Entwicklungen entziehen.

Umsatz gesteigert

Die Umsätze der heimischen Milchverarbeiter sind im Jahr 2016 mit ca. 2,45 Mrd. Euro um 4,3 Prozent gestiegen, wobei es einerseits bei der durchschnittlichen Verwertung je kg Milch zur Preisabschlägen kam, die allerdings durch höhere Verarbeitungsmengen und höherwertige Verarbeitungsschritte aufgefangen werden konnten.

Knappe Ertragslage bei den Molkereien

Das bereinigte EGT bezogen auf den Umsatz der öster­reichischen Molkereien fiel im Durchschnitt mit 0,8 Prozent sehr knapp aus.

Anlieferung um 3 % gestiegen

Die österreichische Milchanlieferung lag 2016 mit 3,2 Mio. Tonnen um 3 Prozent über dem Wert des Vorjahres, wobei im 1. Halbjahr eine stärkere Anlieferung und im 2. Halbjahr Rückgänge zu verzeichnen waren. Die freiwillige Milchliefer-Rücknahme-Aktion der EU ab Oktober sowie die ergänzenden nationalen Maßnahmen im 1. Quartal 2017 haben diesen Anlieferungstrend unterstützt.

Erzeugerpreise um 6.3 % gesunken

Die Erzeugermilchpreise sind 2016 von 37,78 Cent auf 35,41 Cent um 6,3 Prozent gesunken (Milch mit natürlichen Inhaltsstoffen, ab Hof, inkl. MWSt). Der Wert für Milch mit 4 Prozent Fett und 3,4 Prozent Eiweiß exkl. MWSt. ging von 33,21 auf 30,65 Cent zurück. Trotz dieser Rückgänge lagen die heimischen Preise im letzten Jahr deutlich über den EU-Preisen und zwar um ca. 3 Cent je kg über dem Vergleichswert der EU (Durchschnitt aller Qualitäten, exkl. MWSt., gemäß EU-Berechnungsmethode). Hierbei ist zu beachten, daß Österreich aufgrund der viel kleineren Struktur Mehrkosten bei Logistik und Anfuhr hat, für die kein Ausgleich besteht.

Durchschhnittliches Milchgeld leicht gesunken

Das durchschnittlich ausbezahlte Milchgeld der öster­reichischen Molkereien je Landwirt lag mit 39.720 Euro um 0,4 Prozent unter dem Wert des Vorjahres und verdeutlicht die schwierige Einkommenssituation trotz erhöhter Milchlieferleistung.

Strukturwandel geht weiter

Die Zahl der Milchlieferanten ging im Jahr 2016 von 29.400 auf 28.500 um 3,1 Prozent zurück. Die durchschnittliche jährliche Milchanlieferung stieg hingegen von 105,5 auf 112,2 Tonnen (plus 6,3 Prozent). Dies wird in vergleichsweise kleinstrukturierten Milchbetrieben mit durchschnittlich 18,9 Kühen je Betrieb und einer durchschnittlichen Milchlieferleistung je Kuh von 5.922 kg erzielt, was im EU-Vergleich eine extensive und kleinstrukturierte Milchwirtschaft darstellt.

Konsumentwicklung differenziert

2016 war auf dem heimischen Milchmarkt trotz deutlicher Preisrückgänge für Konsumenten eine differenzierte Entwicklung beim Absatz der einzelnen Milchprodukte zu beobachten. Produkte der weißen Palette (Trinkmilch) und der bunten Palette (Joghurts und Desserts) verzeichneten mengenmäßig leichte Rückgänge, jedoch konnte der Käseabsatz mengenmäßig weiter zulegen (Quelle: RollAMA).

Österreichische Qualtitätsstrategie


Die österreichische Milchwirtschaft setzt auf eine kompromisslose Qualitätsstrategie. Die Qualitätsparameter der heimischen Milchwirtschaft sind überprüfbar und gelten als Trendsetter für andere Länder. Umso wichtiger ist daher, daß auch Lebensmittelhandel, Gastronomie und Politik diese heimische Qualitätsstrategie mittragen. Die heimische Milchwirtschaft wird die Qualitätsstrategie weiterhin ausbauen, so wird z.B. seit Beginn des Jahres auf den Einsatz von Soja auf Übersee verzichtet, um damit dem Vorwurf der Abholzung des Regenwalds zu entgehen. Die besondere Qualität der heimischen Milchprodukte umfasst folgende Aspekte:
 .)  flächendeckende Gentechnikfreiheit seit 10 Jahren
 .)   geprüfte Herkunftskennzeichnung und Qualitäts­sicherung durch Verwendung des 
      AMA-Gütezeichens
 .)   höchste Qualitätsstandards
 .)   die Produktion erfolgt unter hohen Umwelt- und Tierschutzstandards
 .)   die Milchproduktion erfolgt in kleinen und überschaubaren Einheiten
 .)   78 Prozent der heimischen Milchprodukte stammen aus Berg- oder benachteiligten Gebieten
 .)   Österreich hat mit 15 Prozent den höchsten Biomilch­Anteil in der EU
 .)   ebenfalls mit 15 Prozent Heumilch und weiteren Spezialmilchsorten z.B: Biowiesenmilch,
      eine hohe Qualitätsdifferenzierung
 .)   regionale Spezialitäten mit definierter Herkunft und Qualitätsanforderungen.
Diese hohen Qualitätsaspekte bedingen nicht nur einen Mehrwert für den Konsumenten, sondern auch Mehrkosten in Produktion sowie in der Verarbeitung der Milch. Klar ist daher, daß diese Mehrkosten auch abzugelten sind, um in weiterer Folge auch dauerhaft gesichert zu sein.

Außenhandel äußerst wichtig

Österreich konnte im Jahr 2016 im Außenhandel punkten: Milchprodukte im Wert von 1,13 Mrd. Euro (minus 1,9 Prozent) sowie Importe im Ausmaß von 720 Mio. Euro (plus 2,5 Prozent) ergaben ein positives Außenhandelssaldo von 412 Mio. Euro. Die Exportquote kam somit auf 46,2 Prozent zu liegen, die Importquote lag bei 29,4 Prozent. Hintergrund für diese Entwicklung waren der starke Wettbewerb sowie preisbedingte Umsatzrückgänge.

Käse wichtigstes Exportprodukt

Wichtigstes Außenhandelsprodukt der österreichischen Milchwirtschaft ist Käse, hier konnte mit einer Menge von 143.000 Tonnen (plus 5,2 Prozent) ein stabiler Umsatz im Ausmaß von 539 Mio. Euro bei einem Durchschnittserlös von 3,78 Euro pro kg erzielt werden, importiert wurden 117.000 Tonnen Käse (plus 6,4 Prozent) zu Durchschnittspreisen von 3,55 Euro je kg.
Das zeigt, daß es den österreichische Molkereien auch im Export zusehends gelingt, die heimische Qualitätsstrategie umzusetzen, weiters war auch im Jahr 2016 verstärkt zu beobachten, daß für die Weiterverarbeitung sowie für den Preiseinstieg des Lebensmitteleinzelhandels bei Eigenmarken oftmals günstige Importware eingesetzt wird, die den heimischen Qualitätsanforderungen nicht entspricht und bei denen auch der heimische Konsument nicht entsprechend informiert wird.
656.000 Tonnen (minus 12,4 Prozent) der Kategorie flüssige Milchprodukte wurden in Umfang von 265 Mio. Euro exportiert, importiert wurden hier 160.000 Tonnen (plus 28 Prozent) um 74 Mio. Euro. Joghurt und Sauermilchprodukte brachten im Export 141 Mio. Euro, importiert wurden in diesem Bereich Produkte im Wert von 53 Mio. Euro, was auch in diesem Sektor eine positive Exportbilanz zeigt. Bei Butter beliefen sich die Exporte auf 5.300 Tonnen, importiert wurden hier jedoch 17.100 Tonnen, wobei auch hier diese Ware großteils für die  Weiterverarbeitung und im Preiseinstieg des Lebensmitteleinzelhandels Verwendung findet.
Wichtigste Exportländer waren auch im Jahr 2016 Deutschland und Italien, der Außenhandel mit den Erweiterungsländern brachte einen positiven Saldo von 53 Mio. Euro. Auffallend war weiters, daß der Anteil von Drittlandsdestinationen von 10 auf 15 Prozent gestiegen ist, hier vor allem nach Australien, Libyen, Schweiz, den Irak sowie China. Der Export nach Russland liegt infolge des Embargos nach wie vor auf Eis, insgesamt exportierte Österreich in ca. 100 Länder.

Lebensmitteleinzelhandel in dominanter Position

Der Lebensmitteleinzelhandel ist in Österreich sehr stark konzentriert. Nach dem Abgang der Handelskette Zielpunkt stellen die drei größten Handelsketten 87,6 Prozent Marktanteil, mit entsprechenden Auswirkungen für die gesamte Lebensmittelbranche. Kennzeichnend dafür ist ein steigender Anteil an Eigenmarken, die bei Bedarf mit günstiger Auslandware ersetzt wird, die mangelnde gesetzliche Herkunftskennzeichnung, wie sie in mehreren EU-Ländern bereits eingeführt wurde, unterstützt diese Entwicklung.

Aussichten 2017
Die österreichische Milchwirtschaft erwartet sich für das Jahr 2017 eine Stabilisierung des Milchmarktes sowie steigende Exporte, wobei hier mit neuen wettbewerbsrelevanten Themen zu kämpfen sein wird. Trotz derzeit rückläufiger Milchmenge wird bei einem entsprechenden Erholen der Preise mittelfristig wiederum mit einem Anziehen der Milchanlieferung gerechnet.

Milchwirtschaft Schlüsselbranche für viele Regionen

Die Milchwirtschaft sowie die mit der Milchwirtschaft verbundenen Leistungen stellen für weite ländliche Regionen Österreichs eine Schlüsselwirtschaft dar, sei es in der Aufrechterhaltung und Bewirtschaftung des Grünlands, insbesondere im Berg- und benachteiligten Gebieten, in der Schaffung regionaler Arbeitsplätze in der Weiterverarbeitung sowie in der Erzielung von volkswirtschaftlicher Wertschöpfung im Export. Milch und Milchprodukte stellen aber auch einen wichtigen kulturellen Faktor für Österreichs Regionen dar, die Milchwirtschaft ist bestrebt durch weitere qualitätssteigende Maßnahmen und Produktdifferenzierungen, den hohen Stellenwert weiterhin zu steigern und diese zu einem Identifizierungsmerkmal Österreichs auszubauen.

Qualitätsstrategie unterstützen

Dazu setzt die Milchwirtschaft auf eine Qualitätsstrategie, sie erwartet sich dazu breite Unterstützung durch Lebensmittelhandel, Gastronomie, Politik und aller Sozialpartner. Schlussendlich erfordert eine Qualitätsstrategie eine entsprechende Unterstützung durch Förderungen, zumal dadurch die Wertschöpfung in den Regionen gestärkt und damit positive Effekte für Landwirtschaft und die regionale Wirtschaft erzielt werden können.
Die Milchwirtschaft fordert seitens der Politik engagierte Maßnahmen, um neue Milchkrisen rechtzeitig zu verhindern, dazu brauchen wir:
 .)    geeignete Rahmenbedingungen und Maßnahmen, die rasch eingesetzt werden können
        und den Milchstandort Österreich wirksam unterstützen
 .)    ein maßgeschneidertes Förderprogramm zur Unterstützung der
       heimischen Qualitätsstrategie
 .)    Vorrang für hoch qualitative Produkte in der öffentlichen Beschaffung durch
       ein neues Vergabegesetz
 .)    wirksame Unterstützung im Export durch geeignete Handels- und Veterinärabkommen
 .)    Ausgleich von höheren strukturbedingten Kosten (z.B. in der Milchanfuhr)
 .)    Schaffung von fairen Wettbewerbsbedingungen innerhalb der
       österreichischen Lebensmittelkette
 .)    Abgeltung von Leistungen der heimischen Milchwirtschaft für Umwelt und Landschaftspflege
 .)    Besondere Unterstützungen für den Erhalt der Milch­wirtschaft in Berg- und
       benachteiligten Gebieten, dies muss auch ein besonderer Schwerpunkt der
       Gemeinsamen Agrarpolitik nach 2020 werden!
 .)    Einführung einer Herkunftskennzeichnung im Lebensmittelhandel und der Gastronomie,
       um den Konsumenten eine Entscheidungshilfe zu bieten.

 

Weitere Informationen:

Mag. DI Johann Költringer
VÖM - Vereinigung Österreichischer Milchverarbeiter
Tel.: 01/90664-2558
eMail: voem@netway.at